2026-04-02
Was macht man an einem Sonntag mit zwei Kindern und einer Frau, wenn das Wetter nicht umwerfend ist und keiner Lust zum Putzen hat? Keine Ahnung... Da mir partout nichts einfallen wollte, habe ich in meiner Not das Karlsruher Kind durchgeblättert und bin doch auch tatsächlich auf etwas gestoßen. In der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe soll es eine Ausstellung geben, bei der Kinder sich interaktiv mit den Kunstwerken beschäftigen können sollen. Kunstwerke angriffeln? Das ist genau das Richtige für meine Jungs. Wer schon einmal mit einem Einjährigen im Kunstmuseum war, hat gelernt, dass man nicht dorthin geht, um Kunst zu betrachten. Man geht dorthin, um Kinder von Kunstwerken fernzuhalten. Falls also anfassen erlaubt sein sollte, so meine zarte Hoffnung, müsste es doch möglich sein, sich selbst ein paar Minuten lang etwas in Ruhe anzusehen, während die Kinder sich mit der interaktiven Kunst amüsieren.
Und ansehen würde ich mir doch schon gern das ein oder andere. Obwohl ich in der Nähe von Karlsruhe aufgewachsen bin, war ich noch nie in der Staatlichen Kunsthalle und bis heute war mir auch nicht klar, was ich bisher verpasst habe. Artsy Namen wie Dix, Rembrandt, Monet und Dürer hat sogar ein Banause wie ich schonmal gehört.
Aber wie das mit zwei Kindern und einer Frau eben so ist, bedeutet ein Plan, der beim Frühstück gefasst wird, nicht, dass man es auch schafft, ihn vor dem Nachmittag auszuführen. Und so war das interaktive Kunstspektakel bzw. Kinderablenkungsprogramm bereits eingestellt, als wir endlich soweit waren, unser Ticket zu lösen.1
Eigentlich befindet sich die Staatliche Kunsthalle in der Nähe des Karlsruher Schlosses aber da das historische Gebäude gerade saniert wird, dürfen ihre Kunstwerte zwischenzeitlich in einem anderen großen Karlsruher Museum zur Untermiete wohnen, dem ZKM. Das ZKM ist eigentlich die Heimat moderner und digitaler Kunst und damit schon fast ein Gegenpol zur klassichen Kunsthalle. Von mir aus könnten ZKM und Kunsthalle gerne dauerhaft im selben Gebäude bleiben, da man mit demselben Ticket Zutritt zu beiden Dauerausstellungen erhält und so zwischen mechanisch rotierenden roten Abendkleidern, impressionistischer Malerei, Videoprojektionen, in denen sich ein 8bit Soldat der Chinesischen Roten Armee auf einen langen Marsch durch die Videospielgeschichte begibt und mittelalterlichen Radierungen beliebig wechseln kann.
Auf unserem Weg zur Ausstellung, wurden wir unerwarteterweise von einer Horde Booboos gestoppt, die dringend von den Jungs gestreichelt werden mussten. Booboos sind im Prinzip mit einer Platine und ein paar kleinen Elektromotoren gefüllte Muffs, die sich bewegen und wahlweise schnurren oder quieken, wenn man sie anfasst. Das allein genügt schon, in den Besuchern etwas auszulösen, das sie behutsam mit diesen kleinen "Tierchen" umgehen lässt. Ich habe Eltern dabei beobachtet, wie sie ihre Kinder ermahnen, wenn sie "zu grob zu dem Booboo" sind und um ehrlich zu sein, musste ich in mir genau denselben Impuls unterdrücken, als K. den ihm zugewiesenen Booboo Muff mal kräftig in die Mangel genommen hat.
Dieses kollektive So-tun-als-ob entsteht allerdings nicht ganz spontan sondern wird durch die Umgebung und die Mitarbeiter mehr oder weniger subtil gefördert. So können die Booboos in einem abgesperrten Bereich besucht werden, der sich "Elektronischer Streichelzoo" nennt. Am Eingang sind zunächst die Schuhe auszuziehen und wie bei einem herkömmlichen Streichelzoo die Hände zu desinfizieren. Ein Mitarbeiter, der einem behutsam das erste Booboo reicht, bittet mit ruhiger Stimme, es doch ja nicht am Kopf zu fassen. Und schon ist der Rahmen gesetzt.
A. meinte, dass es sie fast zu Tränen gerührt hätte, zu sehen, wie Menschen, die nichts miteinander zu tun haben, wie selbstverständlich und ohne explizite Anleitung Teil dieses Spiels des So-tun-als-ob werden. Es ist als würde sich unter Fremden eine spontane Gemeinschaft bilden.
Die Ausstellung, die wir sehen wollten, trägt sinnigerweise den Namen See You. Und tatsächlich haben wir etwas zu sehen bekommen, wenn auch, dank der verpassten Kinderbespaßung, eher im Vorbeigehen und neben (für mich) meist unleserlichen Infotafeln. Das lag daran, dass A. und ich mindestens die Hälfte unserer Aufmerksamkeit unablässig auf den von starkem Bewegungsdrang getriebenen K. gerichtet hatten, der, seit er die Freuden des Laufens für sich entdeckt hat, ein längeres auf dem Arm getragen werden genauso vehement ablehnt, wie die Anwesenheit einer Lesebrille auf meiner Nase.
Mit der verbleibenden geringeren Hälfte der Aufmerksamkeit, die sich wiederum zwei Elternteile untereinander aufzuteilen hatten, schafften es A. und ich trotz allem, jeweils ein Bild so genau zu betrachten, dass es in Erinnerung geblieben ist.
Das Bild, das A. beindruckt hat, war Kurt Schwitters' Haar-Nabelbild. Eine Collage aus übermalten Fundstücken wie Knöpfen, Zeitungsschnipseln und einem Büschel Haare. Die angeklebten Gegenstände sind banal und genau das macht etwas mit einem. Es ist nicht mehr bloß ein Bild über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, es wird selbst zu einem Fundstück aus dieser Zeit. Ich finde, indem Schwitters die Dinge selbst auf die Leinwand klebt, muss er sich nicht weiter mit der Frage aufhalten, wie sich die Abbildung zur Wirklichkeit verhält. Fast 10 Jahre vor Magrittes "Verrat der Bilder" könnte er einfach "Ja, das sind Haare." unter das Bild schreiben.2
Etwas völlig anderes, war das Bild, das mir am besten in Erinnerung geblieben ist: Joos van Craesbeecks "Die Versuchung des Heiligen Antonius". Der gute Antonius will eigentlich nichts anderes als in Frieden sein Buch zu lesen, doch die irdischen Verlockungen und der um ihn herum stattfindende allgemeine Wahnsinn machen ihm das fast unmöglich. Ich musste unweigerlich an die zweite Folge der ersten Staffel von Frasier denken, als Frasier feststellen muss, dass die Zeit des ungestörten feierabendlichen Bücherlesens auf der Wohnzimmercouch für ihn erst einmal vorbei ist, da er seine Wohnung und Wohnzimmercouch nun mit seinem Vater, dessen Physiotherapeutin und einem Hund teilen muss.
Während ich mir selbst ein wenig wie der heillige Frasier Antonius vorkam, hat sich I. in großen, selbstbewussten Zweitklässlerbuchstaben im Gästebuch der Ausstellung verewigt und dort die Gemälde der Künstler aufgelistet, die ihm besonders gut gefallen haben: Karl Schmidt Rottluffs "Die weisse Treppe" und Ernst Ludwig Kirchners "Alphütte". Beides Bilder, die mit menschengemachten Strukturen zu tun haben, genauer gesagt mit Häusern. Das ist schon seit Jahren I.s Thema.
Ein Stockwerk über der Kunsthalle befindet sich die Videospielausstellung des ZKM. Ich finde solche Kontraste interessant. Erinnert sich noch jemand daran, wie Frank Underwood in der Pilotfolge zu House of Cards nach einem Abend im Konzerthaus3 noch in Hemd und aufgenöpfter Fliege auf der Couch vor seiner PS3 sitzt? Nur ein Schnitt trennen in dieser Folge Vivaldis Vier Jahreszeiten von Killzone 3. Und im ZKM reicht eine kurze Fahrstuhlfahrt für einen vergleichbaren Übergang.
Keiner in unserer Familie ist ein Gamer. Nicht, dass wir Videospiele hassen würden oder noch nie welche gespielt hätten. Seit ich vor ein paar Jahren einen RetroPie aufgesetzt habe, gab es schon ein paar Abende, an denen A. und ich Spaß mit Segas Pocahontas oder Streets of Rage II hatten. Was ich meine, ist, dass keiner von uns eine regelmäßige Spielgewohnheit hat oder irgendetwas gespielt hätte, das in den letzten 15 Jahren veröffentlicht wurde. Selbst I., der gerne, wenn auch nicht immer, seine Bildschirmzeit auf den RetroPie verwendet, kannte bisher im wesentlichen nicht mehr als Super Mario World. Vieles in der Ausstellung, die zu einem großen Teil aus Indy Games besteht, war für uns fremd und neu. Von K. ganz zu schweigen, dem schon das Aufspannen eines Regenschirms fremd und neu ist.
Zwei Spiele hatten es I. besonders angetan: das, wie ich finde, arg lethargische Melatonin und Bound, ein Spiel in dem eine gesichtslose Figur, mit einer Mischung aus Ballet und Modern Dance durch eine surreale Landschaft tänzelt. Alles in Bound zielt mehr auf Ästhetik denn auf Herausforderung und es war auch schön mitanzusehen. Auch wenn ich den Tanz der Prinzessin unter I.s Steuerung eher als eine Mischung aus Ballet, Modern Dance und völliger Trunkenheit beschreiben würde.
Das einzige Spiel, für das A. den Controller in die Hand genommen hatte war Room Racers 📺, ein experimentelles Augnmented Reality Spiel, bei der kleine Rennautos auf den Boden eines in er Ausstellung nachgebauten Kinderzimmers projiziert werden. Alle Gegenstände, die auf dem Boden liegen werden dabei auch für die kleinen Rennwagen zu unüberwindlichen Hindernissen. Da die Projektionsfläche betreten werden durfte, hatte sich spontan auch K. als bewegliches und unüberwindliches Hindernis dem Spiel hinzugefügt.
Aber A.s und mein eigentliches Spiel war es, mit den Kindern an einem Sonntag etwas Schönes zu unternehmen, ein oft ziemlich anspruchsvolles roguelike Co-Op, das wir heute im Speedrun durchgezockt haben!